Samstag, 18. Juni 2005 DNW
Eltern-Demonstration am 18. Juni 2005 in Berlin

Kinderrechte sind unteilbar

Ein Teilnehmerbericht

Unsere Kinder brauchen:   gleiches Recht des Kindes auf Mutter und Vater gemeinsames Sorgerecht auch für nicht-eheliche Väter Umgangsrechte des Kindes durchsetzen Beachtung internationaler Rechtssprechung Menschenrechtsverletzungen korrigieren

Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich am 18. Juni 2005 am Berliner Hackeschen Markt die ersten Demonstranten, bauten Tische auf, verteilten mit Gas aufgeblasene Luftballons, klebten Plakate und sammelten Unterschriften. Immer neugierig beobachtet von den im Café sitzenden Gästen. An einem der vorderen Tische saßen zwei Väter aus Marokko mit ihren beiden Töchtern. Sie lächelten und verstanden die Motivation der Demonstranten. Sie leben schon lange in Deutschland, sind auch geschieden, aber hatten das Glück, dass ihre Kinder jede Woche bei ihren Papas sein dürfen. „Können wir ein T-Shirt von Euch kaufen? Die gefallen mir.“ Natürlich. Konnten sie.

Nach und nach trafen immer mehr Väter, Mütter und Großeltern ein. Ein herzliches „Hallo“ hier, eine Wiedersehens-Umarmung dort. Eine Radio-Redakteurin mischte sich unter die Demonstranten und machte pausenlos Interviews. Links standen die Polizei-Autos in Wartestellung, die überaus freundlichen Beamten gaben die letzten Anweisungen.

Große Transparente wurden von einzelnen Mitgliedern des Väteraufbruchs mitgebracht, schnell fanden sich Träger dafür. Überall waren helfende Hände zu finden, schnell, unkompliziert – jeder packte mit an, dort, wo es gerade notwendig war.

Aufstellung am Hackeschen Markt.  Endlich kam das Signal zum Losgehen. Mittlerweile war auch das Pappa-Mobil angerollt, bespickt mit einem kompletten Tonstudio. Ausgerüstet  mit schlappen 3,0 KW und 110 db eroberte Dietmar Nikolai Webels Stimme auch den 10. Stock der Berliner Hochhäuser.

„Liebe Berlinerinnen und Berliner hier an den Straßenrändern, schaut euch die Transparente an, die die Väter und Mütter, die Großeltern mitgebracht haben. Aus ganz Deutschland sind sie aufgebrochen, die Väter, die Großeltern, aber auch zusehends mehr Mütter, um hier zu demonstrieren für die Rechte ihres Kindes auf beide Elternteile. Denn Kinderrechte sind unteilbar. Wir wollen die verkorkste Politik, die Familienpolitik, die Väter ausgrenzt, und zusehends immer mehr auch Mütter und natürlich auch die Großeltern, die wollen wir hier einklagen.“

Etwa 40.000 Flugblätter wurden vor und während der Demo an Passanten verteilt, unter Scheibenwischer von parkenden Autos gesteckt. Immer wieder ergaben sich entlang der Strecke Hackescher Markt – Alexanderplatz – Unter den Linden – Brandenburger Tor – Gendarmenmarkt Randgespräche. Eine Frau aus Österreich wollte wissen: „Demonstrieren Sie für die Scheidungswaisen? Das ist gut, wir haben die auch.“ Oder vier ältere Damen, die Verständnis zeigten: „Ja, ich sehe meinen Enkel auch nicht“, bekannte eine von ihnen. „Ich weiß, wie das hier läuft.“ Als sie das Transparent der mit demonstrierenden Großeltern erblickte, brach sie in Tränen aus.

„Wir mahnen für die Kinder das gleiche Recht auf beide Elternteile ein. Aus diesem Grunde schließt euch an, für eine neue Familienpolitik, für die Rechte des Kindes auf beide Elternteile unverbrüchlich, wie es in den Grundgesetzen verankert ist“, schallte es aus dem Übertragungswagen. „Horst Köhler, der Bundespräsident hat gesagt: Die Kindererziehung ist nicht Frauensache, sondern Elternsache. Aber die Elternsache kann schnell zur Frauensache werden, wie die Praxis in Deutschland zeigt. Wir demonstrieren hier für die Chancengleichheit von Männern und von Frauen, wir wollen, dass die Gleichstellungspolitik auch für Männer gilt, die man für Frauen über Jahrzehnte präsentiert. Allen Kindern beide Eltern, dass ist unsere Botschaft, hier nach Berlin.“

Die Polizisten sperrten große Kreuzungen, Autos standen für Minuten im Stau. Überraschenderweise konnten wir keinen Unmut spüren, im Gegenteil. Fensterscheiben wurden herunter gelassen, Hände streckten sich nach den Handzetteln aus.

Ankunft vor dem Familienministerium. „Wir demonstrieren vor dem Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wir wollen dort Abschied nehmen von Renate Schmidt, die hoffentlich mit der alten Regierung abdanken wird. Wir werden den Abschied gestalten als ein Freudenfest. Diesen Demonstranten, liebe Berliner reicht es schon lange, weil man ihnen ihre Kinder weggenommen hat.“       

Dann zog man weiter. Viele der Demonstranten bedankten sich unterwegs immer wieder bei den Polizeibeamten,  die mit Einsatzwagen einzelne Straßen sperrten oder mit unserem Demonstrationszug mitlaufen mussten, für ihren samstäglichen Einsatz bei anstrengenden Schwitz-Temperaturen. Verständnis auf breiter Linie. „Ick wollte heute eigentlich ins Schwimmbad. Aber is schon ok. Ick kenn` det ja ooch, wat Euch passiert ist,“ so ein Beamter.

Der Polizei-Einsatzleiter ging noch einen Schritt weiter: „Die Demonstration kenn ick ja schon von  letztet  Jahr.“ Aha, alte Bekannte. „Und ick  kann det  voll nachvollziehen. Ick  find det  jut, wat ihr da macht.“ ???? Woher weiß er das? „Ick beschäftige mich vor einer Demonstration mit den Zielen der Demonstranten und mit ihren Themen. Daher weeß ick, um wat det  jeht.“ Einige Beamten wollten Handzettel haben, weil man ja in der Bekanntschaft und Verwandtschaft auch Betroffene kennt....

Unter den Linden. Viele Passanten und Touristen  bleiben stehen und lesen die Transparente. Drei Briten fragen nach, um was es geht. Ein Begriff – und alles ist klar:  „Fathers 4Justice – Batman – you know? In Germany there are the same tragedies.” Lächeln auf ihren Gesichtern:  “Ohhh, sure. Good luck!”

Ein französisches Fernsehteam tauchte auf, filmte und suchte Interviewpartner. Andere Journalisten suchten ebenfalls immer wieder Gesprächspartner.

Der Demonstrationszug endete auf dem Gendarmenmarkt mit einer Kundgebung. Armin Emrich von pappa.com sprach von Wurzeln der Kinder, die notwendig sind zum Wachsen und gesunden Gedeihen, genau wie bei Pflanzen.  Er prangerte die derzeitige Familienpolitik von rot-grün an, die die Wurzeln der Kinder kappen helfen. Bei jedem Fällen eines Baumes, wäre der Aufschrei der Grünen groß. Bei der Krönung der Schöpfung – dem Menschen – würde man der Entwurzelung stumm zuschauen.

Franz Anthöfer, der als sogenanntes „Besatzungskind“ sein ganzes Leben lang nach seinem Vater gesucht hatte, schilderte in kurzen Worten, wie es solchen Kindern zumute ist, die von einem Teil ihrer Wurzeln abgeschnitten wurden.

Der Kummer von Betroffenen kam in den Worten von Frau Marianne Heß als Vertreterin der Großelterninitiative anschaulich zum Ausdruck: „Solange es jedoch noch Familienrichter gibt, die zu einer Großmutter sagen: „Kommen sie noch mal wieder, wenn das Kind 3 Jahre ist“,  oder sagen: „Wissenschaftliche Arbeiten interessieren mich nicht“, obwohl ein für den Umgang von Enkelkind und Großmutter positives Gutachten erstellt wurde, solange dürfen wir nicht aufgeben um der Kinder willen und müssen weiterkämpfen,“ rief sie den Menschen zu. „Die Verzweiflung von einer steigenden Anzahl von Großeltern, Vätern, Müttern und Kindern, die unfreiwillig voneinander getrennt werden, kann nicht unkommentiert stehen bleiben. Wir fordern alle gesellschaftlichen Kräfte auf, keine Vogel Strauss Politik zu betreiben, nicht in Trägheit zu verharren und nach althergebrachten verkrusteten Strukturen zu urteilen, sondern sich intensiv mit diesem Leid besetzten Thema auseinander zu setzen und neue Wege zu suchen.“

Bernd Wacker als Vertreter von terre des hommes appellierte an alle, sich vehement für eine Abschaffung der Babyklappe einzusetzen. „Diese Kinder suchen ihr Leben lang ihre Eltern – und nichts und niemand kann ihnen helfen.“ Untersuchungen und Studien haben ergeben, dass Babyklappen nicht helfen würden, Leben zu retten.

Dietmar Nikolai Webel appellierte: „Weg mit der Einäugigkeit in der Familienpolitik und dem Mief einer restaurativen Frauenpolitik, die sich als Familienpolitik getarnt hat. Weg mit der Diskriminierung von Jungen und Männern, damit beide Geschlechter eine Chance haben, vor allem unsere Kinder ein Recht auf Mutter und Vater.“ 

Dass Solidarität und gegenseitige Hilfe unter den Mitgliedern des Väteraufbruches nicht nur auf dem Papier steht, wurde auf besondere Weise deutlich. Ein Vater aus Kassel (Kein Vereinsmitglied), der seit ein paar Wochen die Internet-Seiten des Väteraufbruches verfolgte, entschloss sich am Samstag spontan, nach Berlin zu reisen. Da seine Frau mit den Kindern nach Köln gezogen ist und er zukünftig öfter dorthin reisen musste, fand er sofort Hilfe und Unterstützung von Mitgliedern des Kölner Väteraufbruchs. Er kann bei einem Kölner Vereinsmitglied  kostenlos übernachten. Da der Vater in Frankfurt arbeitet, wurden ihm vom Frankfurter Ortsverein des „Väteraufbruch für Kinder e.V.“ Beratung und Gespräche angeboten. „Wahnsinn, was ich hier erlebt habe. Die Selbsthilfegruppen sind einfach das Beste, was einem passieren kann“, so sein Resümee. „Diese Reise nach Berlin hat sich für mich mehrfach bezahlt gemacht.“ Auch Väter aus Trier oder Berlin, die bisher noch nie mit dem Väteraufbruch in Kontakt kamen, reisten an und nahmen spontan an der Demo teil. 

Die Kundgebung wurde von Michael Pfennig mit einem erfrischenden Konzert beendet. In seinen Liedern – mal melancholisch – mal ermutigend – besang er die Situation der Kinder und die Gefühle von Eltern, die ihre Kinder verloren haben. 

Einen gemütlichen Ausklang fand die Demo im Berliner Tivoli, bis spät in die Nacht wurde erzählt und viele Bekanntschaften geknüpft.